Mit der heutigen Vesper beginnt für mich eines der emotional bewegendsten Hochfeste des Kirchenjahres, und als ich auf der Suche nach einem Bild für diesen Blogeintrag war, wurde ich zunächst hier schmerzhaft fündig.Die Frage dieses Hochfestes ist doch die, was am Ende bleibt, wenn Himmel und Erde vergehen, was geschieht, wenn wir eines Tages das irdische Leben verlassen und vor unserem Herrn und Schöpfer stehen. Als ich in den 90er Jahren einmal eine Reise durch Burgund unternahm und in der Vorhalle der Basilika von Vézelay stand, empfand ich die dortige Darstellung des Jüngsten Gerichts mit den darunter weit geöffneten Türen in die Basilika als eines der beeindruckendsten Reiseerlebnisse, das mich tief berührt hat. Als wolle Christus, der König und Weltenrichter, alle Menschen in das Himmlische Jerusalem einladen, Gäste zu sein beim Himmlischen Gastmahl. Doch die Entscheidung, diese Einladung anzunehmen oder abzulehnen, liegt bei jedem von uns selbst.
In der Zeit des Nationalsozialismus hatte das Christkönigsfest für die katholischen Jugendverbände eine ganz besondere Bedeutung. Ich glaube, von diesem Bekennermut und Aufbruchsgeist können viele Katholiken heute lernen.
Ende des 16. Jahrhunderts brach im westfälischen Unna die Pest aus. Diese Katastrophe brachte die Stadt und ihre Einwohner an den Rand des Abgrunds. Der evangelisch-lutherische Pfarrer (zusätzlich Calvinisten- und Papsthasser) Philipp Nicolai war hauptsächlich damit beschäftigt, tagtäglich hunderte von an der Seuche Hingerafften das letzte Geleit zu geben. In einem Brief an die Familie schrieb er über seine verzweifelte Lage. Was ihn überhaupt noch am Leben halte, sei einmal der Weihrauch [sic!], den ihm ein arabischer Händler besorgt habe (es muß wirklich gestunken haben wie die Pest) und das immerwährende Gebet und Gottvertrauen.
Wenn Menschen ihr eigenes Nahtod-Erlebnis hatten, sind sie danach meist zu unglaublichen Leistungen in der Lage. Ein Weihbischof aus meinem Heimatbistum, der schwer an Krebs litt und dem Tod mehr oder weniger von der Schüppe gesprungen ist, soll nun laut einigen Aussagen hervorragend tiefgehende Predigten halten. Philipp Nicolai verfaßte 1599 seinen Freudenspiegel des ewigen Lebens. Darin enthalten sind zwei der bemerkenswertesten Choräle, die jemals im Abendland entstanden sind und von denen ein Freund sogar zu sagen wagt, allein dafür schon habe sich die Reformation gelohnt. Felix Mendelssohn nahm einen dieser Choräle als Leitmotiv in den ersten Teil seines Oratoriums Paulus auf und änderte den Text der ersten Strophe leicht ab, was aber sehr schön zur Bedeutung des morgigen Hochfestes und zum Ewigkeitssonntag paßt:
"Wachet auf! ruft uns die Stimme
der Wächter, sehr hoch auf der Zinne,
Wach auf, du Stadt Jerusalem!
Wacht auf! Der Bräut'gam kommt.
Steht auf! Die Lampen nehmt!
Halleluja!
Macht euch bereit zur Ewigkeit!
Ihr müsset ihm entgegengehn!"


